DIE MÜDIGKEIT DES LANGSTRECKENLÄUFERS – URSACHEN UND THERAPIE

Das Gefühl der Müdigkeit und Abgeschlagenheit ist ein Problem, welches viele LäuferInnen nicht nur während des Laufens behindert, sondern auch im beruflichen und privaten Alltag zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führt.

Die möglichen Ursachen hierfür sind enorm mannigfaltig und nahezu jede körperliche und auch psychische Erkrankung kann mit dem Symptom der Müdigkeit einhergehen, sodass ich hier nur auf die häufigsten und regelmäßig in Kombination mit dem Laufsport auftretenden Auslöser eingehen möchte.

ÜBERTRAINING – KEIN PLATZ FÜR REGENERATION ?
Viele LäuferInnen nützen ohne Beachtung sportmedizinischer und trainingsmethodischer Grundsätze jede freie Minute und jede sich bietende Gelegenheit, Ihren geliebten Laufsport auszuüben. Der Laufanfänger sollte jedoch seine Trainingsumfänge nur langsam und vorsichtig erhöhen, um seinem Körper Zeit für die Anpassung an die Trainingsreize zu geben. Der erfahrenere Läufer muss hingegen immer wieder regenerative Trainingsphasen einlegen, in denen die Trainingsumfänge deutlich zurückgeschraubt werden. Das Ausmaß dieser Reduktion hängt von vielen Faktoren (Leistungsniveau, Alter, Trainingsjahre, Trainingsziel, usw.) ab und kann nur unter Berücksichtigung der individuellen Situation beurteilt werden. Ebenso müssen die Trainingsintensitäten bestenfalls nach einer entsprechenden leistungsdiagnostischen Untersuchung so gesteuert werden, dass einer Überlastung und einem Übertrainingszustand vorgebeugt wird. Diesbezüglich soll sich der Großteil des Lauftrainings (75 % und mehr – abhängig von der Stabilität der Grundlagenausdauer) im aeroben Bereich abspielen, welchen jede Läuferin und jeder Läufer für sich persönlich kennen sollte. Bei zu häufigem Training mit höheren Intensitäten kommt es schrittweise zu einer Überlastung des Körpers mit Symptomen wie Müdigkeit, Muskelschmerzen und Laufunlust bis hin zum manifesten Übertrainingszustand mit Leistungseinbruch, Schwächung des Immunsystems, Ruhepulserhöhung, Schlafstörungen und vielen anderen Symptomen. Diese Probleme treten bei Läufern jeder Leistungskategorie auf und können in ausgeprägten Fällen trotz Rücknahme des Trainings bis zu einem halben Jahr andauern. Laufanfänger mit gering ausgebildeter Grundlagenausdauer können allein dadurch in solch einen Übertrainingszustand geraten, indem sie regelmäßig auch nur langsam laufen und sich dabei aber über ihrer individuellen aeroben Schwelle befinden. Diese relativ untrainierten Menschen können anfänglich eben nur über großteils schnelleres Gehen ihre Leistungsfähigkeit verbessern, ohne Gefahr zu laufen, in ein Überlastungssyndrom zu geraten, welches früher oder später jedem Menschen die Lust am Laufen nimmt.

MEHR TRAINING = MEHR SCHLAF
Wenig bekannt ist auch jene sportmedizinisch verifizierte Tatsache, dass eine Umfangsteigerung im Training auch eine entsprechende Erhöhung der täglichen Schlafdauer mit sich bringen sollte. Als Faustregel kann gelten, dass pro Wochenstunde mehr Umfang 20 Minuten länger pro Tag geschlafen werden sollte. Somit ist auch jene Tatsache verständlich, dass nahezu alle Leistungssportler mit 2 Trainingseinheiten pro Tag einen Mittagsschlaf einhalten, um auf die erforderliche tägliche Schlafmenge zu kommen.

MÜDIGKEIT INFOLGE EINER INFEKTION
Sehr oft tritt relativ plötzlich das Gefühl einer unerklärlichen Müdigkeit auf, welche der Einzelne sich anfänglich nicht erklären kann. Dies kann oft das erste Symptom einer Infektionskrankheit wie einer banalen Verkühlung oder eines grippalen Infektes sein, deren klassische Symptome sich erst 2 oder 3 Tage später einstellen. In diesem Falle ist neben entsprechender Therapie natürlich körperliche Schonung erforderlich, um dem Körper Zeit für die Ausheilung zu geben und das Auftreten von Komplikationen zu verhindern. Wird in dieser Situation dem Körper nicht die erforderliche Ruhe zugestanden, kommt es zu einer Verzögerung der Ausheilung mit einer dementsprechenden längeren Dauer der Symptome, zu denen eben auch die Müdigkeit gehört.

INFEKTIÖSE MONONUCLEOSE ( PFEIFFER´SCHES DRÜSENFIEBER )
Eine gerade unter Leistungssportlern sehr häufige Infektionskrankheit stellt das Pfeiffer´sche Drüsenfieber dar. Die Ursache des gehäuften Auftretens in diesem Zusammenhang ist wissenschaftlich letztendlich noch nicht geklärt, wobei aber doch eine Schwächung des Immunsystem infolge zu intensivem Trainings bzw. mangelhafter Regeneration als Ursache angenommen werden kann. Die Mononukleose ist eine durch das Epstein-Barr-Virus hervorgerufene Erkrankung, deren Symptome sehr unterschiedlich lange andauern können. Das Virus wird hauptsächlich oral übertragen. Während der akuten Phase der Erkrankung sowie über mehrere Monate danach wird das Virus über den Speichel ausgeschieden, es besteht also Ansteckungsgefahr für nicht immune Personen, wodurch auch das gehäufte Auftreten nach Aufenthalten in Trainingslagern erklärt werden kann. Die Erkrankung beginnt nach einer Inkubationszeit von 4-7 Wochen mit uncharakteritischen grippeähnlichen Beschwerden, auf welche die typischen Symptome wie Fieber und Lymphknotenschwellungen an den verschiedensten Stellen im Körper folgen. Insbesondere am Hals können bis zu hühnereigroße Lymphknoten auftreten, auf welche bei 80 % der Patienten die typische Monozytenangina mit grau-weißen Belägen auf den Rachenmandeln folgt. Sehr häufig kommt es auch zu einer Milzvergrößerung sowie zu einer Mitbeteiligung der Leber im Sinne einer vorübergehenden Leberentzündung, welche jedoch selbst limitierend ist und sich bald wieder zurückbildet. Ernste Komplikationen sind selten, wobei Entzündungen des Herzmuskels oder Herzbeutels sowie Gehirn – bzw. Gehirnhautentzündungen als die wichtigsten hier erwähnt werden sollen. Eine sehr langandauernde Müdigkeit mit einer deutlich verminderten körperlichen Leistungsfähigkeit stellen die für die LäuferInnen gravierenden Probleme dar und können in Extremfällen auch über Jahre hinweg andauern.

Wie bei den meisten viralen Erkrankungen steht kein spezifisches Medikament zur Verfügung, wodurch sich die Therapie auf symptomatische Maßnahmen wie Fiebersenkung, Schmerzlinderung und körperliche Schonung beschränkt. Bei Auftreten von Komplikationen müssen diese natürlich spezifisch therapiert werden.

Eine Infektion mit dem EBV wurde auch als Ursache eines „chronischen Müdigkeitssyndroms“ (Chronic Fatique Syndrom, CFS) diskutiert, aber ein Zusammenhang kann in den meisten Fällen nicht schlüssig, z.B. durch serologische Analysen, nachgewiesen werden.

DAS CHRONISCHE MÜDIGKEITSSYNDROM ( CHRONIC FATIGUE SYNDROM )
Das Chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome) ist durch eine lähmende geistige und körperliche Ermüdung und weitere, individuell unterschiedliche Symptome charakterisiert. Die Erschöpfung muss zur Diagnosesicherung mindestens 6 Monate andauern und zu einer starken Leistungseinschränkung gegenüber früheren Zeiten führen. Zum Krankheitsbild gehören Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, schmerzhafte und geschwollene Lymphknoten, Nervenzuckungen und Kribbeln im Körper, Depressionen, Ohrgeräusche, Sehstörungen, leicht erhöhte Körpertemperatur sowie eine anhaltende Verschlechterung des Zustandes nach Anstrengung und noch einiges mehr. Bei der Mehrzahl der Erkrankten entwickelt sich die Krankheit schlagartig nach einem bestimmten Ereignis – zum Beispiel einer Infektionskrankheit.Andere berichten von einer schleichenden Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes. Die Beschwerden können über Jahre hinweg anhalten. Ursachen und Krankheitsmechanismen sind bis heute nicht bekannt.Funktionsstörungen des Immunsystems, Viren, Bakterien, hormonelle Störungen, Pilze, psychische Faktoren, anhaltender körperlicher oder psychischer Streß (Übertraining?) sowie Umweltgifte werden als Auslöser diskutiert.

Eine exakte Therapieempfehlung kann ohne genaue Kenntnis des Einzelfalles nicht gegeben werden. Welche Medikamente das Krankheitsbild bessern können, ist umstritten. Je nach individueller Ausprägung des Krankheitsbildes können der Ausgleich von Mangelzuständen, die Behandlung chronischer Infektionen,Ernährungsumstellung, Physiotherapie und auch psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein.

BLUTARMUT – EISENMANGEL
Ein Eisenmangel und die daraus resultierende Eisenmangelanämie sind gerade bei Ausdauersportlern häufig zu beobachtende Phänomene, welche zu sehr unangenehmer Müdigkeit und Leistungseinbußen führen. Krankheitsbedingte Ursachen für einen Eisenmangel können Blutverluste über den Magen-Darm-Trakt (Entzündungen,Polypen,Geschwüre,..), Blutverluste über die Harnwege oder die Geschlechtsorgane, starke Monatsblutungen bei Frauen, chron.Infektionen sowie Eisenaufnahmestörungen im Verdauungstrakt bei verschiedenen Magen-Darm-Erkrankungen sein. Alle diese möglichen Ursachen müssen natürlich ausgeschlossen und gegebenenfalls einer Behandlung zugeführt werden. Regelmäßiges Training kann aber auch ohne eine dieser Ursachen zu einem chronischen Eisenmangel führen, wobei in diesen Fällen der erhöhte Bedarf entweder mit Hilfe von Medikamenten oder durch Optimierung der Ernährung ausgeglichen werden muss. Eisen ist vor allem in Fleisch, Innereien, Getreide, Brot, Gemüse und Hülsenfrüchten enthalten, wodurch diesen Nahrungsmitteln bei bestehendem Eisenmangel besondere Bedeutung zukommt. Der erhöhte Bedarf an Eisen bei sportlich aktiven Menschen ist einerseits durch den vermehrten Eisenverlust über den Schweiß erklärbar, andererseits kommt es bei körperlicher Aktivität zu einem erhöhten Abbau an roten Blutkörperchen (= Erythrozyten) in der Muskulatur. Insbesondere bei Läufern muss auch eine mechanische Zerstörung der Erythrozyten in den Blutgefäßen der Fußsohle angenommen werden, wodurch zusätzlich der Eisenpool im Körper belastet wird. Durch diesen erhöhten Umsatz wird zur Neubildung der roten Blutkörperchen entsprechendes Eisen verbraucht und muß somit auch zur Verfügung stehen. Die Diagnose eines Eisenmangels ist aus dem Ferritinwert (= Speicherform des Eisens) zu stellen, welcher bei Frauen 22-230 µg/l und bei Männern 34-310 µg/l betragen sollte. Bei Werten im unteren Grenzbereich und darunter ist von Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszugehen, wobei natürlich auch die Trainingseffekte darunter leiden. Eine wirkliche Eisenmangelanämie mit einem Hämoglobingehalt von unter 12 g/dl bei Frauen und unter 14 g/dl bei Männern führt dann neben einer weiteren Einschränkung der Leistungsfähigkeit auch zu Krankheitssymptomen wie Haut – und Nagelveränderungen und einige mehr. Bis zu den oben angeführten oberen Grenzwerten ist die Zufuhr von Eisen in Form von Tabletten in der Regel unproblematisch, eine Überladung durch exzessive Zufuhr von Eisen mit Überschreiten der Grenzwerte soll jedoch wegen möglicher Schäden an inneren Organen vermieden werden.

Das Symptom der Müdigkeit kann Ausdruck nahezu jeder körperlichen oder psychischen Erkrankung sein und tritt im Laufsport häufig im Rahmen spezifischer Störungen auf. Bei Einhalten gewisser Trainingsgrundsätze und ernährungsmedizinischer Empfehlungen können viele Ursachen und potentielle Auslöser jedoch im Vorfeld schon vermieden werden und somit einem genußvollen und gesundheitsorientierten Laufen nicht im Wege stehen.

TIPPS:
Vermeiden der Müdigkeit im Laufsport durch

  • Langsame und dem Niveau angepasste Umfangsteigerungen
  • Trainingsmethodisch sinnvolle Trainingsintensitäten
  • Einhalten ausreichender Regenerationszeiten mit entsprechender Schlafdauer
  • Ausreichende, vollwertige, vitaminreiche und abwechslungsreiche Mischkost
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Inaspruchnahme kompetenter Hilfe bei unerklärlicher Müdigkeit

Dr.Andreas Dallamassl