GESUNDHEITLICHE GRENZBEREICHE DES LAUFSPORTES

Die Tatsache, dass regelmäßiges und vernünftiges Laufen auf die Gesundheit der Menschen einen außerordentlich positiven Einfluß nimmt, wird mittlerweile auch von den anfänglichen Skeptikern kaum mehr angezweifelt. Ebenso ist aber auch vor gewissen Grenzen zu warnen, bei deren Überschreitung es zu negativen Auswirkungen auf die Gesundheit kommen kann.

DIE DOSIS MACHT DAS GIFT

Jede Reizeinwirkung von außen auf unseren Körper, jedes Medikament und Nahrungsmittel, ja sogar Wasser können bei Überdosierung Schaden an unserer Gesundheit anrichten. Genauso führt eine Überdosis „ Laufen “ zu einer negativen Beeinflussung unseres körperlichen und seelischen Wohlbefindens, wobei die Dosis durch Laufumfang und Laufintensität definiert ist. Neben der genetisch determinierten Belastbarkeit und dem biologischen Alter spielt hier der Trainingszustand eine entscheidene Rolle. Je besser der Trainingszustand ist, desto höher ist auch die Grenze anzusetzen, ab der es zu gesundheitlichen Problemen kommen kann. Für einen Laufanfänger mit 30 kg Übergewicht können bereits 10 Wochenkilometer eine Überforderung mit entsprechenden Problemen bedeuten, ein Leistungsläufer mit durchschnittlichen Wochenumfängen von über 100 km wird sich in mit solchen Umfängen kaum belastet fühlen und vielleicht sogar infolge Unterforderung gesundheitliche Probleme bekommen. Diese beiden Extrembeispiele sollen verdeutlichen, wie entscheidend sich die individuelle Situation auf die sportärztlich zu definierenden Grenzen beim Laufen auswirkt und daß diese Grenzen immerwährend Schwankungen unterworfen sind.

DIE GESUNDHEIT BEGINNT IM KOPF

Großangelegte Untersuchungen zeigten, dass optimale präventivmedizinische Effekte durch körperliche Aktivität dann erreicht werden, wenn wöchentlich 2500 – 3000 kcal durch Bewegung im aeroben Bereich verbraucht werden. Alles was darüber hinaus geht, bringt zwar eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit aber keine zusätzliche Verbesserung der Gesundheit bzw.der Lebenserwartung. Hier sei jedoch die Frage in den Raum gestellt: Gehört nicht mehr zur Gesundheit und zum individuellen Wohlbefinden als gute Blutbefunde, ein normales Körpergewicht, ein normaler Blutdruck und ein intaktes Herz-Kreislauf-System? Sind nicht auch die psychischen Effekte eines zielorientierten Trainings, die Erfolgserlebnisse und gruppendynamischen Prozesse im Wettkampf ebenso Bestandteil des individuellen Wohlbefindens und somit auch der Gesundheit jedes einzelnen? Diese Frage muss jeder Läufer für sich selbst beantworten und seine Aktivitäten danach ausrichten. Es gibt sehr viele LäuferInnen, die nicht zuletzt auch deshalb regelmäßig laufen, da durch den dadurch erreichten Energieverbrauch gutes Essen und Trinken ohne gesundheitsschädliche Folgen erst möglich werden. Verbessert nicht auch gutes Essen und Trinken die Lebensqualität und trägt somit zum Wohlbefinden und zur Gesundheit bei?

KEIN ÜBERSCHREITEN INDIVIDUELLER GRENZEN

Gesundheitlich bedenkliche Grenzen beim Laufen sind nur individuell im Rahmen einer sportärztlichen Bestandsaufnahme abzustecken und müssen laufend den Bedürfnissen und den Leistungsfortschritten entsprechend angepasst werden. Es gibt sicher verschiedenste Erkrankungen und gesundheitliche Probleme, welche gegen die Aufnahme eines regelmäßigen Lauftrainings sprechen oder auch die maximal möglichen Belastungsgrenzen relativ gering halten. In den meisten Fällen ist jedoch bei trainingsmethodisch richtigem und geduldigem Trainingsaufbau gesundheitsförderndes Laufen möglich, wobei bei entsprechender Motivation und Lust am Laufen 40-50 Wochenkilometer problemlos ohne gesundheitsschädliche Folgen möglich sind. Und wenn man bedenkt, dass diese Trainingsumfänge für das Absolvieren eines Marathons ohne große Zeitambition reichen, so zeigt sich damit, dass für die meisten Menschen das Beenden eines Marathons bei entsprechender Vorbereitung kein Problem sein sollte. Die Vorbereitung auf einen Marathon bzw. der Marathon selbst sind aber Belastungen, welche bei fehlerhafter Ausführung gesundheitliche Gefahren in sich bergen.
Epidemiologische Daten von 1540 Teilnehmern des Berlin Marathons stellte vor einiger Zeit L. Brechtel aus Berlin vor, wobei sich ein nicht ausreichendes Problembewusstsein der Läufer bezüglich der gesundheitlichen Risiken ergab. Symptome im Sinne eines „Übertrainings“ konnten bei 38,2 % der Befragten festgestellt werden. Nur 24,4 % der im Mittel 40-jährigen Läufer konnten ein Belastungs-EKG innerhalb der letzten 12 Monate nachweisen. Die Flüssigkeitsaufnahme während des Marathonrennens war bei 61 % der Befragten zu gering und 7 Läufer starteten mit einem akuten Infekt. Als zusätzliche nichttraumatische Schädigungsmöglichkeiten wurde neben den Elektrolyt – und Eisenhaushaltsstörungen bzw. Anämien eine erhöhte Infektanfälligkeit beobachtet. Des weiteren konnten Nierenfunktionsstörungen nach Einnahme von nichtsteroidalen Antiphlogistika (Schmerzmittel) bei gleichzeitigem Flüssigkeitsmangel nachgewiesen werden. Und wenn amerikanische Untersuchungen im Rahmen des Boston-Marathons zeigen konnten, dass bei 70 % aller LäuferInnen Abbauprodukte solcher Schmerzmittel im Harn gefunden wurden, so ist hier noch sehr viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Die gesundheitlichen Grenzen, die hier überschritten werden, sind nicht durch das Laufen an sich bedingt, sondern durch ein fehlerhaftes Verhalten der LäuferInnen.

KEIN UNTERSCHREITEN VON GRENZEN

Das weitaus gravierendere Problem besteht heutzutage jedoch eher im Unterschreiten von Grenzen, d.h die Menschen bewegen sich viel zu wenig. Eine wöchentliche Golfrunde, der jährliche Schiurlaub, das sommerliche Badevergnügen (Schwimmen?), das gelegentliche Radfahren mit den Kindern sind nun Belastungen, welche die stoffwechsel – und kreislaufwirksamen Untergrenzen keinesfalls erreichen. Ein präventivmedizinisch sinnvoller wöchentlicher Energieverbrauch von 2500 kcal bedeutet insgesamt ca.3 Stunden Laufen oder 4-6 Stunden Radfahren. Ein geringerer wöchentlicher belastungsinduzierter Energieverbrauch ist zwar besser als gar nichts zu tun, bedeutet jedoch einen mittlerweile anerkannten eigenständigen Risikofaktor für die heutigen Zivilisationskrankheiten. Auch wenn ein an der individuellen Leistungsgrenze gelaufener Marathon nicht ohne weiteres als gesund zu bezeichen ist, kann für alle „ Marathonis“ beruhigend festgestellt werden: Besser 2 mal im Jahr im Rahmen eines Marathons seinen Körper nach vernünftiger Vorbereitung an die individuellen Belastungsgrenzen heranführen, als seinen Körper Schaden zuzuführen, wie es der überwiegende Anteil unserer Mitmenschen tagtäglich tut – nämlich sich zu wenig oder gar nicht zu bewegen. Bei Einhalten der notwendigen Regenerationsphasen werden diese Grenzbelastungen vom gesunden Körper sicherlich folgenlos verkraftet und die positiven Effekte des richtig durchgeführten Trainings auf unsere Gesundheit nicht zunichte gemacht werden.

Die persönlichen Grenzen werden dann nicht überschritten, wenn Sie

  • Trainingsmethodische und biologische Gesetze nicht missachten
  • Gesundheitliche Faktoren, welche gegen das Laufen sprechen, nicht unberücksichtigt lassen
  • Ausreichend in Ihren Körper hineinhorchen
  • Geduldig die Leistungsentwicklung abwarten
  • Die Zeit für das Lauftraining auf Ihre persönliche Zeitressourcen abstimmen
  • Auf die Freude beim Laufen achten und bei Laufunlust eine Laufpause einlegen

Dr. Andreas Dallamassl