MARATHONLAUF – SEGEN ODER SCHADEN FÜR DIE GESUNDHEIT?

In den letzten Jahren kam es neben dem allgemeinen Lauf-Boom zu einem unglaublichen Anstieg an organisierten Marathonläufen in der ganzen Welt, wobei jeder für sich fast jedes Jahr neue Teilnehmerrekorde verzeichnen kann. Ist diese damit verbundene enorme Zunahme an MarathonläuferInnen nun ein Gewinn an Gesundheit für jeden einzelnen und somit auch für die Volksgesundheit oder beeinflusst die Belastung Marathonlauf unsere Gesundheit womöglich negativ?

LEBENSGEFAHR DURCH MARATHONLAUF?
Der Marathonlauf wurde lange Zeit als eine körperliche und geistige Grenzbelastung angesehen, welcher sich nur Asketen und Einzelgänger unterziehen, die sich ihrer Gefahr für ihre Gesundheit nicht bewusst waren. Nicht zuletzt deshalb konnte sich die Historie von Pheidippides,dem ersten Marathonläufer der Geschichte,bis in die heutige Zeit halten. Dieser vielzitierte Krieger soll am Ende des 42 km langen Laufes von Marathon nach Athen gestorben sein, nachdem er die Nachricht überbracht hatte, dass Athen die Truppen des Persers Darius besiegt habe. Auch heute noch werden in der Laienpresse reißerische Schlagzeilen, wie „ Der Tod läuft mit“ oder „Wie krank macht Joggen“, von schlecht informierten Journalisten dazu verwendet, dem herrschenden Laufboom mediengerecht und auflagensteigernd einen Gegenstandpunkt zu bieten. Daneben gibt es auch viele Ärzte, welche ohne sich näher mit der Materie zu beschäftigen, vom Marathonlauf abraten und diesen als Gefahr für die Gesundheit des Läufers ansehen. Sportmedizinische Untersuchungen zeigen unterschiedliche Häufigkeiten über den plötzlichen Herztod beim Laufen, welcher die spektakulärste und größte Gefahr beim Langstreckenlauf darstellt. Schweizer Untersuchungen der neun größten Läufe zwischen 1978 und 1987 sprechen von einer Inzidenzrate von einem Todesfall auf 117 000 Laufstunden, großangelegte amerikanische Studien weisen einen Toten und zwei Herzinfarkte auf 5000 Jogger bzw. 6 Millionen gelaufene Meilen nach. Laut Wahrscheinlichkeitsrechnung wird man natürlich um so eher beim Laufen sterben, umso häufiger man läuft. Andererseits wird man aber auch natürlich eher im Schlaf vom Tod überrascht werden, wenn man viel schläft. Finnische Studien über plötzlich aufgetretene Todesfälle besagen, dass sich beim Laufen 0,9% aller Fälle ereigneten, während es im Haushalt beispielsweise 9,2 % oder auf der Toilette 5,1 % waren. Provozierend könnte man hier die Frage stellen, ob es gefährlicher ist auf die Toilette zu gehen oder zu laufen? Es gilt in diesem Zusammenhang jedoch zu beachten, dass die Häufigkeitsverteilung der einzelnen Tätigkeiten ebenso Beachtung finden muss wie die Tatsache, dass ein übergewichtiger zivilisationskranker Mensch durch die Preßatmung auf der Toilette einem größeren Risiko ausgesetzt ist als ein gesunder trainierter Mensch beim Laufen.

GESUNDHEITSSCHÄDEN DURCH MARATHONLAUF
Neben den seltenen wirklich lebensgefährlichen Situationen im Langstreckenlauf sind es eher die den Bewegungsapparat betreffenden chronischen Beschwerden, welche durch Auftreten von Schmerzen den Laufgenuß trüben und die Lebensqualität einschränken. Diese Probleme sind aber meist durch Fehler im Trainingsaufbau und in der neben dem Langstreckenlauf unbedingt notwendigen regelmäßigen Muskelpflege und Regeneration begründet und können durch fachkundige Unterstützung und individuelle Fehlerkorrektur behoben werden. Nicht unerwähnt sollen auch die negativen Effekte auf psychischer und mentaler Ebene bleiben, welche durch allzu intensives und einseitiges Lauftraining entstehen. Im Rahmen solch einer „Marathonmanie“ werden alle privaten, beruflichen und sozialen Bedürfnisse und Pflichten zu Gunsten des Laufens zurückgestellt und es kommt zum Auftreten der vielfältigsten Probleme, die unter dem Begriff Übertraining subsumiert werden. Früher oder später wird die Leistungsfähigkeit stagnieren und körperliche oder psychische Probleme werden regelmäßiges gesundheitsförderndes Laufen unmöglich machen. Auch hier gilt es durch sportmedizinisch bzw.sportwissenschaftlich richtiges Trainingsverhalten solche negative Entwicklungen hintanzuhalten. An dieser Stelle sei auch betont, dass der Marathonlauf und das dazu notwendige Training eine Belastung für den Bewegungsapparat darstellt, wofür nicht jeder Mensch die notwendigen orthopädischen und anatomischenVoraussetzungen mitbringt. Solche LäuferInnen können sehr wohl von den hervorragenden positiven Auswirkungen eines gesundheitsorientierten Lauftrainings profitieren, ein Marathon sollte jedoch in solchen Fällen nicht mit aller Gewalt angestrebt werden.

GESUNDHEIT DURCH MARATHONTRAINING
Dem möglichen Risko müssen in einer seriösen Nutzen-Risko-Rechnung die positiven Auswirkungen des Marathonlaufes gegenüberstellen werden, wobei besonders das vernünftige und regelmäßige Training für einen Marathonlauf zu einem eindeutigen Überwiegen des Nutzens führt. Das regelmäßige trainingsmethodisch richtige Training für einen Marathonlauf beeinflusst nicht nur alle Organsysteme des menschlichen Körpers positiv, es korrigiert auch automatisch alle Lebensgewohnheiten, welche leistungshemmend und gesundheitsgefährdend wirken. Die meisten Langstreckenläufer reduzieren mit der Zeit automatisch den Konsum von Nikotin und Alkohol ebenso wie sie bei der Ernährung physiologisch vernünftig den Fettgehalt reduzieren und auf höherwertige Nahrungsmitteln setzen. Allein diese Lebenstilveränderungen bewirken eine positive Beeinflussung aller Zivilisationskrankheiten und führen nachweislich zu einem Rückgang der Sterblichkeit. Unzählige medizinische Studien belegen mittlerweile, dass durch regelmäßiges Laufen im Rahmen eines Marathontrainings Übergewicht und die daraus resultierenden Probleme reduziert werden, der Blutdruck gesenkt wird, Stoffwechselstörungen wie erhöhte Blutfette und Zuckerkrankheit und viele andere Erkrankungen positiv beeinflusst werden.

MARATHONLAUF ALS BELASTUNG
Der Marathonlauf an oder auch nahe an der persönlichen Leistungsgrenze gelaufen ist sicher eine Grenzbelastung, welche nicht ohne weiteres als gesund zu bezeichnen ist. Es kommt hier zu Belastungen vor allem des Bewegungsapparates, des Stoffwechsels und des Immunsystems, welche bei Nichtbeachten gewisser Grundsätze zu längeren gesundheitlichen Problemen führen können. Besonders die Muskulatur leidet durch die Belastungen im Marathonlauf, was sich vor allem in der Erhöhung des Enzyms Kreatinphosphokinase (CK) manifestiert. Es dauert 4-6 Wochen bis alle strukturellen Schäden an der betroffenen Muskulatur behoben sind und die Muskulatur wieder voll belastbar ist. In dieser Zeit sollten längere und auch schnelle Läufe vermieden werden, welche ansonsten zu einer Störung der Reparaturvorgänge in den Muskeln führen können. Auch das Immunsystem wird im Rahmen eines Marathonlaufes enorm belastet, was sich durch entsprechende Blutbildveränderungen nachweisen lässt. Praktisch zeigt sich dieses Phänomen in der Tatsache, dass die Anfälligkeit für Infekte in der Woche nach einem Marathon besonders erhöht ist. Sehr viele MarathonläuferInnen leiden gerade im Anschluß an ihren ersten Marathon an sehr langwierigen Entzündungen der Bronchien, Nasennebenhöhlen und des Rachenraumes, welche durch entsprechende Behandlung und absolute Schonung therapiert werden müssen. Im Bereich des Stoffwechsels kann es zu den verschiedensten Problemen kommen, wobei hier besonders die Elektrolytentgleisung und Dehydratation bei großer Hitze oder bei ungenügender Flüssigkeitszufuhr erwähnt werden soll. Durch entsprechende Vorbereitung und entsprechendes Trinkverhalten während des Marathonlaufes können diese Schwierigkeiten weitestgehend vermieden werden.

EIGNUNGSTESTS FÜR MARATHONLAUF ?
Um akuten Problemen beim Marathon aber auch chronischen Folgeschäden durch den Marathonlauf vorzubeugen sollen nun gewisse Vorsichtsmaßnahmen Beachtung finden. Prinzipiell sollte natürlich nur ein völlig gesunder Mensch das Abenteuer Marathonlauf in Erwägung ziehen und sich sportmedizinisch untersuchen lassen. Insbesondere bei bestehenden Risikofaktoren oder auch ab einem Lebensalter von 35 Jahren sollte ein Belastungstest durchgeführt werden. Bei diesem Belastungstest wird unter Blutdruck- und EKG-Kontrolle der Proband stufenweise bis zur Ausbelastung bzw.bis zum Auftreten von Beschwerden gefordert, um sicherzugehen, dass das Herzkreislaufsystem auch Belastungen im persönlichen Grenzbereich toleriert. Dieser Eignungstest kann ohne weiteres auch am Fahrradergometer absolviert werden, da gerade beim nicht so erfahrenen Läufer eine Ausbelastung am Laufband aus lauftechnischen Gründen problematisch sein kann. Diese Untersuchung, bei welcher nur eine Krankheit, welche ein Marathontraining verbietet bzw.bei diesem beachtet werden muss, ausgeschlossen werden soll, wird in den meisten Fällen auch von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt, wobei sich hier jedoch in letzter Zeit gewisse Krankenkassen aus Kostengründen aus ihrer präventivmedizinischen Verantwortung stehlen wollen und die Kostenübernahme hiefür verweigern. Dieser medizinische Eignungstest hat nichts mit einer Lacat-Leistungsdiagnostik zu tun, welche zur Traininsplangestaltung durchgeführt wird und möglichst sportartspezifisch, d.h.entweder am Laufband oder auch im Rahmen eines Feldtestes durchgeführt werden soll. Solch ein Test ist für alle ambitionierten und leistungsorientierten LäuferInnen sinnvoll, welche mit dem Ziel eine möglichst gute Zeit zu erreichen, ihr Training optimieren wollen.

MARATHON ALS MODETREND
In unserer heutigen schnelllebigen Zeit werden viele Strömungen und als aktuell beworbene Aspekte des täglichen Lebens vorübergehend als modern angesehen und in einer kurzfristigen Episode bis zum Ende des Modetrends exzessiv ausgelebt. Der Marathonlauf eignet sich nicht als kurzfristig definiertes Ziel, welches oft aus einer Laune heraus in Gesellschaften am Stammtisch beispielsweise geboren wird. „In 3 Monaten sehen wir uns dann beim Marathon“ lautet leider immer öfter eine eher unsinnige Wette unter Freunden, die kaum über Lauferfahrung verfügen und keine Vorstellungen über die Belastungen beim Marathon bzw.beim Training dafür besitzen. Der Marathonlauf samt dem dazu notwendigen Training sollte vielmehr Teil einer Lebenseinstellung sein, in welcher dem Laufen, der richtigen Ernährung, dem vernünftigen Umgang mit Genußmitteln Alkohol und Nikotin und auch der notwendigen Regeneration und Entspannung entsprechende Bedeutung zukommt. Nur dann wird der Marathonlauf ein erstrebenswertes Ziel sein, werden die dabei möglichen gesundheitlichen Gefahren auf ein Minimum beschränkt werden und die überragenden positiven Effekte des regelmäßigen Lauftrainings auf den menschlichen Körper voll zum Tragen kommen.

Zusammenfassung:
RISIKOFAKTOREN , WELCHE JEDER FÜR SICH EINE SPORTMEDIZINISCHE EIGNUNGSUNTERSUCHUNG MIT BELASTUNGSTEST ERFORDERLICH MACHEN

  • Subjektive Beschwerden und Schmerzen jeglicher Art
  • Alter über 35 Jahre
  • Übergewicht
  • Bluthochdruck
  • Herz-Kreislauferkrankungen in der Anamnese
  • Erhöhte Blutfette
  • Erhöhter Blutzucker
  • Erhöhte Harnsäure bzw.Gichterkrankung
  • Rauchen
  • Familiäre Häufung von Herz-Kreislauferkrankungen

Dr. Andreas Dallamassl